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Reisebericht Singerej, Moldawien, 15. bis 25. Juni 2018

Um 5:30 Uhr ist unser Auto geladen und wir fahren nach Frauenfeld. Unsere Freude wird durch einen schrecklichen Unfall, welchem wir auf der Strecke begegnen, gedämpft. Wie kurz ist die Spanne zwischen Leben und Tod! Auf dem LIO-Areal verstauen wir unsere persönlichen Sachen im bereit gestellten Lastwagen. Die humanitäre Hilfe wurde am Mittwoch von treuen freiwilligen Helfern geladen. Oli betet mit uns und stellt uns samt dem Fahrzeug unter Gottes Schutz. Um 7:10 Uhr beginnt die Reise.

Wir fahren nach Kreuzlingen an den Zoll und erledigen die Formalitäten. Nun dürfen wir mit der Fähre von Konstanz nach Meersburg übersetzen. Sarah hat mit dem DAF 1 schnell Freundschaft geschlossen. Sie steuert unser Gefährt durch die wunderschöne Gegend dem Bodensee entlang und dann Richtung München. Wir kommen zügig voran. In Schwechat passieren wir die Grenze zu Österreich. Unsere erste grosse Pause machen wir in Oed. Wir füllen den Tank. Knapp ¼ Diesel war noch im Tank, die Rechnung beträgt mehr als 700 Euro. Mir, Annelies, wird bewusst, wie teuer nur eine Tankfüllung ist. Dies ist ja nur ein Teil des benötigten Treibstoffs für den Transport. Die Unterhaltskosten für den Lastwagen nicht eingerechnet. Wir nutzen nun die 9 Stunden Lenkzeit aus und erreichen Pöchlarn um 20:00 Uhr. Im Hof eines Restaurants parkieren wir den LKW. Hier gönnen wir uns einen feinen Apfelstrudel mit Eis und Schlagobers. Für die Konsumation werden uns die Parkplatzgebühren erlassen, zudem werden wir zu einem Tanzabend im Restaurant eingeladen. Aber wir gehen lieber nach einer herrlichen Dusche schlafen.

Am nächsten Tag wollen wir die von der Arbeits-und Ruhezeitverordnung vorgeschriebene 45-stündige Pause mit einem Trip nach Budapest verbinden. Leider finden wir keinen geeigneten Parkplatz. Deshalb fahren wir weiter nach Harvan. Auf dem vollen Rastplatz ist unser DAF von lauter ukrainischen Kameraden umringt. Der Fahrer neben uns kann nicht fassen, dass Sarah den grossen Lastwagen steuert. Die lange Wartezeit verbringen wir mit Lesen, Kochen, Schlafen und einem ausgedehnten Spaziergang. Es ist ein ausserordentliches Erlebnis, so viel Zeit zur freien Verfügung zu haben.

Am Montag, den 18. Juni um 11:00 Uhr startet Sarah den Motor. Nun geht es auf sehr guten Strassen Richtung Grenze Ungarn-Rumänien. Wir kommen gut voran. Es hat wesentlich weniger Verkehr als in den vorangegangenen Tagen. Den Zoll erreichen wir um 14:30 Uhr. Jede Achse wird einzeln gewogen. Wir wechseln 100 Euro in 440 Lej und kaufen eine 7-Tage-Vignette. Als die Beamten feststellen, dass wir Schweizerinnen sind, sind sie hoch erfreut, dass die kleine Schweiz an der WM gegen Brasilien 1:1 unentschieden spielte. In Rumänien hat es keine Autobahn. Wir fahren durch die Dörfer und bewundern den schönen Blumenschmuck. Der Ausblick vom Lastwagensitz in die Gärten und Höfe ist einmalig. Bald fühlen wir uns ins Appenzellerland versetzt. Die hügelige Landschaft erinnert uns an die Alpen in der Schweiz. Das Gemüse und die Blumen gedeihen hier oben prächtig. Die grasbewachsenen Bahnschienen und die Übergänge lassen uns vermuten, dass hier kein Zug mehr fährt. Aber da haben wir uns gründlich getäuscht. Es biegt soeben einer um die Ecke.

Am Dienstagabend passieren wir die Grenze Rumänien-Moldawien in Stanca Costesti. Die Formalitäten erledigen wir trotz Internetausfall in Moldawien in nur drei Stunden. Die Beamten kontrollieren den Führerausweis und sind erstaunt, dass Sarah die weite Strecke aus der Schweiz allein gefahren ist. In einer friedlichen Abendstimmung geniessen wir die Fahrt nach Balti. Moldawien ist ein schönes Land. Beim ersten Kreisel holt uns Vasili, der Verantwortliche für die Hilfsgüterverteilung in der Gegend von Singerej, ab. Er fährt uns zum Zollamt voraus. Dort lassen wir den DAF über Nacht stehen und fahren mit Vasili nach Singerej. Die Reisegeschwindigkeit mit Vasilis Fahrstil ist deutlich höher, als wir uns bis jetzt gewohnt sind. Zu unserer Überraschung treffen wir dort Matthias Schöni und Natalia, die Übersetzerin. Er lädt uns zum Nachtessen ein. Zusammen verbringen wir einen interessanten und unterhaltsamen Abend. Am nächsten Tag erledigt Vasili die Papiere und wir holen den Lastwagen nach Singerej, dem Bestimmungort. Bei über 30°C laden wir mit zahlreichen Helfern den Lastwagen ab. Ich bin beeindruckt, wie viel Hilfsgüter die Belader in der Schweiz im Lastwagen gestapelt haben. Die Hilfsgüter erhalten arme Familien und viele Kinder, die sonntags den Kindergottesdienst in Vasilis Gemeinde besuchen. Dafür werden sie extra in Vasilis Bussen abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Durch den regelmässigen Kontakt haben Vasili und seine Mitarbeiter Einblick in die Familienverhältnisse und die Hilfsgüter können gezielt eingesetzt werden. Heute eröffnet Matthias nördlich von Balti ein Frauenhaus für ungewollt Schwangere. Ein Posten der Hilfsgüter ist für das Frauenhaus bestimmt.

Nachdem wir die Lastwagenbrücke geputzt und das Verdeck niedergezurrt haben, serviert uns Vasilis Frau eine Suppe und ein feines moldawisches Kartoffelgericht. Jetzt holt uns Juri ab, der Koordinator für das Projekt Grossfamilien. Wir dürfen mit ihm und seiner Tochter Lucie als Übersetzerin unser Patenkind in Balti besuchen. Wir freuen uns, die Familie kennenzulernen. Nach einer kurzen Nacht gehen wir um 3:00 Uhr morgens ohne Strassenbeleuchtung auf einem mit Löchern versehenen Gehweg, von Hundegebell begleitet, eine Dreiviertelstunde lang vom Hotel zum Lastwagen. Wir wecken den schlafenden Wächter und begeben uns auf den Heimweg. Den moldawischen Zoll fahren wir um 8:50 Uhr an und um 9:50 Uhr sind wir auch schon mit dem rumänischen Zoll fertig. Unser DAF läuft und läuft. Wir sind froh, dass er uns nie im Stich lässt. Er ist uns richtig zum fahrenden Zuhause geworden. Die Nacht verbringen wir vor Campulung.

Ein besonderes Erlebnis ereignet sich vor 5:00 Uhr am folgenden Morgen. Wir biegen etwas zu spät auf die Lastwagenumfahrung ab, die Strassenschilder verwirrten uns. Auf der Umfahrung hält uns ein Polizist auf. Er fordert von uns 100 Euro Busse. Wir verstehen kein Rumänisch. Sarah muss ins Polizeiauto einsteigen. Sie fährt zu meinem Schrecken mit dem Polizisten davon. Der LKW und ich bleiben allein zurück. Um Sarah ihr Vergehen bewusst zu machen, fährt der Polizist zum Anfang der Umfahrung zurück und erklärt ihr energisch den richtigen Weg. Nach langem Hin und Her ist er mit 50 Euro ohne Beleg zufrieden.

Weiter geht die Fahrt ohne grosse Zwischenfälle. Wir erfreuen uns an den inzwischen aufgeblühten Sonnenblumenfeldern in Ungarn und Österreich. Auf dem schönen und sauberen Autohof in Heggensberg verbringen wir den Sonntag. Am Montag erreichen wir um 10:30 Uhr das Lager Frauenfeld von Licht im Osten. Wir retablieren den Lastwagen für den nächsten Transport.

Wir sind Gott dankbar für die schöne, interessante und unfallfreie Fahrt. Wir danken auch für das sorgfältig gewartete Fahrzeug und allen Helfern, welche die Hilfsgüter, die wir transportieren durften, gesammelt und aufbereitet haben. Die grossen und kleinen Empfänger freuen sich sehr darüber.

Annelies und Sarah Busslinger